Die Karten werden neu gemischt
An den Finanzmärkten gibt es Phasen, in denen sich Kapital nahezu automatisch in bestimmte Regionen bewegt. Über weite Teile der vergangenen Dekade waren die Vereinigten Staaten der eindeutige Gewinner dieses Trends. Die Kombination aus niedrigen Zinsen, starken Technologieunternehmen und einem robusten Wirtschaftswachstum sorgte dafür, dass enorme Kapitalmengen in amerikanische Aktien flossen.
Doch Märkte bewegen sich selten dauerhaft in nur eine Richtung.
Seit Beginn des Jahres 2026 zeigt sich ein bemerkenswertes Bild: Während viele Industrieländer nur moderate Kurszuwächse verzeichnen, entwickeln sich zahlreiche Schwellenländer deutlich dynamischer. Der MSCI Emerging Markets legte seit Jahresbeginn rund 22 Prozent zu und ließ damit die etablierten Industriemärkte klar hinter sich.
Das allein wäre noch keine Sensation. Interessant wird es erst, wenn man die Ursachen betrachtet.
Warum Investoren plötzlich wieder auf Schwellenländer schauen
Lange Zeit galt die Formel als einfach: Wer Wachstum suchte, investierte in amerikanische Technologieunternehmen.
Inzwischen mehren sich jedoch die Stimmen institutioneller Investoren, die diese starke Konzentration kritisch hinterfragen. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie hoch die Gewinne der großen US-Konzerne ausfallen werden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob andere Regionen inzwischen attraktiver bewertet sind und gleichzeitig höhere Wachstumsraten bieten.
Genau hier kommen die Schwellenländer ins Spiel.
Viele Märkte in Asien, Lateinamerika oder Osteuropa profitieren von einer Entwicklung, die Anleger lange übersehen haben: Sie wachsen schneller, als ihre Bewertungen vermuten lassen.
Die Bewertungslücke ist außergewöhnlich groß
An den Börsen entscheidet nicht nur Wachstum über den Erfolg einer Anlage. Ebenso wichtig ist die Bewertung. Und genau dort zeigt sich derzeit ein ungewöhnliches Bild. Aktien aus Schwellenländern werden aktuell im Durchschnitt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 18,5 bewertet. Der MSCI World liegt dagegen bei rund 23,5. Natürlich sagt eine einzelne Kennzahl wenig aus. Doch historisch betrachtet sind solche Bewertungsunterschiede bemerkenswert. Sie bedeuten vereinfacht gesagt: Anleger zahlen für einen Euro Gewinn in vielen Schwellenländern deutlich weniger als in den entwickelten Märkten.
Das allein macht noch keinen Bullenmarkt. In Kombination mit steigenden Gewinnerwartungen entsteht jedoch eine interessante Ausgangslage.
Das Wachstum spricht plötzlich für die Emerging Markets
Noch auffälliger als die Bewertungen sind die Gewinnprognosen. Während für die Vereinigten Staaten aktuell Gewinnsteigerungen im Bereich von rund 18 Prozent erwartet werden und Europa auf etwa 13 Prozent kommt, rechnen Marktbeobachter in den Schwellenländern teilweise mit Gewinnwachstum von 35 bis 43 Prozent.
Diese Differenz ist erheblich. Sie zeigt, dass viele Unternehmen in den Emerging Markets derzeit von mehreren Trends gleichzeitig profitieren:
- steigender Konsum in großen Bevölkerungsmärkten
- Digitalisierung und Technologisierung
- Infrastrukturinvestitionen
- Rohstoffnachfrage
- wachsende Mittelschichten
Besonders in Asien entstehen dabei Märkte, die längst nicht mehr nur als günstige Produktionsstandorte wahrgenommen werden können. Viele Länder entwickeln sich zunehmend zu Innovations- und Technologiestandorten.
Die Rolle des US-Dollars
Ein weiterer Faktor wird häufig unterschätzt. Die Entwicklung des US-Dollars hat historisch einen erheblichen Einfluss auf Schwellenländer. Ein starker Dollar erschwert vielen Emerging Markets die Finanzierung und belastet häufig Kapitalzuflüsse. Umgekehrt profitieren diese Märkte oft von einer Phase, in der der Dollar stabil bleibt oder an Stärke verliert. Genau dieses Szenario halten zahlreiche Marktstrategen aktuell für wahrscheinlich.
Für Schwellenländer bedeutet das:
- attraktivere Finanzierungsbedingungen
- stärkere Kapitalzuflüsse
- stabilere Währungen
- bessere Gewinnperspektiven
Es sind genau diese Rahmenbedingungen, die in der Vergangenheit häufig den Beginn längerer Aufwärtsphasen begleitet haben.
Ein Blick zurück in die 2000er-Jahre
Wer schon länger an der Börse aktiv ist, erinnert sich möglicherweise an die Jahre zwischen 2001 und 2007. Damals gehörten Schwellenländer zu den erfolgreichsten Anlageklassen überhaupt. Rohstoffe boomten, zahlreiche Volkswirtschaften wuchsen mit hoher Dynamik und internationale Investoren bauten ihre Engagements massiv aus. Natürlich wiederholt sich Geschichte niemals exakt.
Doch einige der damaligen Voraussetzungen scheinen heute erneut sichtbar zu werden:
- vergleichsweise günstige Bewertungen
- attraktive Rohstoffmärkte
- günstige Währungsrelationen
- höheres Wirtschaftswachstum
Genau deshalb sprechen einige Marktbeobachter inzwischen offen von der Möglichkeit eines neuen Superzyklus.
Nicht alle Schwellenländer profitieren gleichermaßen
Trotz aller Chancen wäre es jedoch falsch, Emerging Markets als homogenen Block zu betrachten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen sind enorm. Während einige Länder von Rohstoffen profitieren, treiben anderswo Technologie, Digitalisierung oder Finanzdienstleistungen das Wachstum. Gleichzeitig bleiben politische Risiken, Währungsschwankungen und geopolitische Spannungen wichtige Einflussfaktoren. Der mögliche neue Zyklus wird daher vermutlich nicht von ganzen Regionen getragen werden, sondern von ausgewählten Ländern, Branchen und Unternehmen. Gerade darin liegt für Anleger die eigentliche Herausforderung.
Warum dieser Trend noch am Anfang stehen könnte
Viele der größten Börsenbewegungen beginnen unspektakulär. Sondern mit einer langsamen Veränderung der Kapitalströme. Genau das scheint derzeit zu passieren. Internationale Investoren beginnen wieder verstärkt, ihre Gewichtung außerhalb der USA zu erhöhen. Gleichzeitig verbessern sich in zahlreichen Schwellenländern die Fundamentaldaten schneller, als viele Marktteilnehmer erwarten. Das bedeutet nicht, dass die Entwicklung geradlinig verlaufen wird. Rückschläge gehören zu jedem Zyklus dazu. Doch die Voraussetzungen für eine längere Phase relativer Stärke erscheinen heute deutlich besser als noch vor wenigen Jahren.
Mehr als nur eine kurzfristige Rotation?
Die starke Entwicklung der Schwellenländer im Jahr 2026 könnte sich im Nachhinein als weit mehr herausstellen als eine einfache Marktrotation. Günstigere Bewertungen, höhere Gewinnerwartungen, ein möglicherweise schwächerer US-Dollar und neue Kapitalzuflüsse bilden eine Kombination, die Anleger aufmerksam verfolgen sollten. Ob daraus tatsächlich ein neuer Schwellenländer-Superzyklus entsteht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Fest steht jedoch: Die Emerging Markets sind zurück auf dem Radar internationaler Investoren – und das allein macht sie zu einem der spannendsten Themen der aktuellen Börsenphase.
Stand: Emerging Markets Investor Nr. 12 von 24 (2026)
Wer die aussichtsreichsten Chancen in den wachstumsstärksten Märkten der Welt frühzeitig erkennen möchte, sollte die Entwicklungen in den Schwellenländern genau beobachten. Der Emerging Markets Investor analysiert regelmäßig die spannendsten Trends, Branchen und Unternehmen aus Asien, Lateinamerika, Osteuropa und Afrika.
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