Schlechter Ruf mit statistischem Fundament
Kaum ein Börsenmonat wird so kritisch beäugt wie der September. Das liegt nicht nur an alten Börsenweisheiten oder an psychologischen Effekten. Die Statistik liefert durchaus Argumente für die Skepsis. Seit 1998 hat der DAX im September im Durchschnitt rund 2,0 Prozent verloren. Damit belegt der Monat im langfristigen Vergleich den letzten Rang. Nur 15 von 38 betrachteten Jahren endeten laut der aktuellen Ausgabe des Hot Stocks Europe mit einem Plus. Auf den ersten Blick wirkt das eindeutig. September gleich schwach. Doch genau hier lohnt sich der zweite Blick.
Der Mittelwert erzählt nur die halbe Wahrheit
Denn der Durchschnitt von minus zwei Prozent wird stark von einzelnen extrem schwachen Jahren verzerrt. Besonders deutlich wird das am September 2002, als der DAX laut Ausgabe rund 25,4 Prozent verlor. Solche Ausreißer ziehen den Mittelwert kräftig nach unten. Deshalb ist der Median oft die bessere Kennzahl. Er zeigt, wie der „typische“ September aussieht, wenn extreme Einzeljahre weniger Gewicht bekommen. Und hier wird das Bild deutlich entspannter. Der Median der September-Performance liegt beim DAX lediglich bei rund minus 1,3 Prozent. Das ist immer noch schwach. Aber es ist weit entfernt von dem Eindruck, als drohe im September regelmäßig ein Börsencrash.
Der September ist nicht durchgehend schwach
Noch interessanter wird die Statistik, wenn man den Monat aufteilt. Laut Hot Stocks Europe verläuft die erste Hälfte des Septembers historisch deutlich unauffälliger. In den ersten elf von 21 Handelstagen liegt die durchschnittliche Entwicklung nur bei rund minus 0,2 Prozent. Die eigentliche Schwäche tritt erst später auf. In der zweiten Monatshälfte beträgt das durchschnittliche Minus rund 1,9 Prozent. Das ist für Anleger wesentlich hilfreicher als die pauschale Aussage „September ist schlecht“. Denn es bedeutet: Der saisonale Gegenwind ist nicht gleichmäßig über den ganzen Monat verteilt. Historisch steigt das Risiko vor allem im zweiten Teil des Monats.
Saisonstatistik ist kein Timing-Signal
Trotzdem wäre es ein Fehler, allein auf Basis dieser Statistik Aktien zu verkaufen. Saisonalität beschreibt Wahrscheinlichkeiten. Keine Gewissheiten. Auch ein historisch schwacher Monat kann in einem starken Marktumfeld deutlich zulegen. Umgekehrt können positive saisonale Monate hohe Verluste bringen, wenn fundamentale oder geopolitische Belastungen auftreten. Gerade deshalb muss die September-Statistik immer mit der aktuellen Marktlage kombiniert werden. Und die ist diesmal keineswegs eindeutig bearish.
Der DAX startet aus einer Position der Stärke
Der deutsche Leitindex ist zuletzt auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Dahinter stehen nicht nur technische Effekte oder reine Liquidität. Die Konjunkturdaten haben sich verbessert. Das ifo-Geschäftsklima stieg im August bereits den vierten Monat in Folge und erreichte 88,8 Punkte. Gleichzeitig verbesserte sich insbesondere der Erwartungsindex deutlich. Noch wichtiger: Der Auftragsbestand der deutschen Industrie erreichte laut Ausgabe den höchsten Stand seit 2015. Die rechnerische Auftragsreichweite lag im Juni bei 8,9 Monaten. Das bedeutet, dass die Unternehmen selbst ohne neue Bestellungen im Durchschnitt fast neun Monate damit beschäftigt wären, bestehende Aufträge abzuarbeiten. Für einen Markt, der in den gefürchteten September startet, ist das ein deutlich robusteres Fundament als in vielen früheren Jahren.
Auch die Gewinne sprechen gegen die reine Crash-These
Hinzu kommen starke Unternehmenszahlen. Die DAX-Konzerne erzielten im zweiten Quartal einen kumulierten operativen Gewinn von 52,6 Milliarden Euro. Das waren 16 Prozent mehr als im Vorjahr und zugleich ein neuer Rekord für ein zweites Quartal. Auch der Gesamtumsatz erreichte mit rund 463 Milliarden Euro einen Bestwert. Das ist entscheidend. Denn ein saisonal schwieriger Monat wirkt gefährlicher, wenn die Fundamentaldaten gleichzeitig schwach sind. Aktuell ist das Gegenteil der Fall. Der Markt geht zwar mit einem statistischen Gegenwind in den September, aber gleichzeitig mit verbesserten Konjunktursignalen und Rekordgewinnen.
Das Risiko liegt eher in den Erwartungen
Genau deshalb sollte man die September-Angst nicht übertreiben. Das größere Risiko könnte an anderer Stelle liegen. Nach einem neuen Allzeithoch sind viele positive Entwicklungen bereits eingepreist. Die Stimmung ist besser geworden. Die Konjunkturerwartungen haben sich aufgehellt. Die Gewinne sind stark. Damit steigt die Messlatte für weitere Kursgewinne. Wenn neue Daten enttäuschen, könnte der saisonal ohnehin anfälligere zweite Teil des Monats eine Korrektur zusätzlich verstärken. Das ist ein wesentlich sinnvollerer Blick als die simple Gleichung: September = verkaufen.
Die zweite Monatshälfte wird interessanter
Für Trader lässt sich aus der Statistik durchaus etwas ableiten. Nicht als starres Signal, sondern als Hinweis auf ein erhöhtes Risikofenster. Die erste Monatshälfte war historisch im Durchschnitt kaum negativ. Die eigentliche Schwäche trat erst später auf. Wer aktiv handelt, sollte deshalb im Verlauf des Monats stärker auf Marktbreite, Volumen und die Reaktion auf Konjunkturdaten achten. Bleibt der DAX stabil, obwohl die saisonal schwächere Phase beginnt, wäre das ein Zeichen relativer Stärke. Kommt es dagegen genau in dieser Phase zu Gewinnmitnahmen, könnte die Saisonalität den Abwärtsdruck verstärken.
Rekordhoch und September-Schwäche schließen sich nicht aus
Ein neues Allzeithoch bedeutet nicht automatisch, dass der Markt weiter steigen muss. Genauso wenig bedeutet ein schwacher Börsenmonat, dass der Markt zwangsläufig fallen wird. Beide Faktoren können gleichzeitig existieren. Ein starker übergeordneter Trend kann innerhalb eines saisonal schwierigen Monats korrigieren, ohne dass der langfristige Aufwärtstrend beschädigt wird. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Ein Rücksetzer von einigen Prozent wäre nach der bisherigen Entwicklung keineswegs ungewöhnlich. Er könnte sogar gesund sein. Problematisch würde es erst, wenn der Markt wichtige Unterstützungen verliert und sich gleichzeitig die fundamentalen Erwartungen verschlechtern.
Anleger sollten Statistik als Kontext nutzen
Saisonale Muster sind dann hilfreich, wenn man sie richtig einordnet. Sie liefern keine Prognose. Aber sie können zeigen, wann Märkte historisch anfälliger waren. Für den DAX bedeutet das aktuell: Der September ist statistisch tatsächlich der schwächste Monat. Das durchschnittliche Minus von rund zwei Prozent klingt zunächst deutlich. Der Median von minus 1,3 Prozent relativiert dieses Bild aber spürbar. Und die eigentliche Schwäche konzentriert sich historisch vor allem auf die zweite Monatshälfte. Damit wird aus einem vermeintlichen Crash-Signal eher ein Hinweis für besseres Timing.
Der September ist ein Warnhinweis – kein Verkaufsbefehl
Der schlechte Ruf des Septembers ist nicht erfunden. Die Statistik bestätigt einen saisonalen Gegenwind. Aber sie rechtfertigt keine Panik. Vor allem deshalb nicht, weil der DAX diesmal mit verbesserten Konjunkturdaten, hohen Auftragsbeständen und Rekordgewinnen in den Monat gestartet ist. Für Anleger dürfte deshalb weniger entscheidend sein, dass September ist. Wichtiger ist, wie der Markt auf die traditionell schwächere zweite Monatshälfte reagiert. Hält der DAX trotz saisonalem Gegenwind seine Stärke, wäre das ein positives Signal. Kommt dagegen eine Korrektur, sollte man sie zunächst als normale Bereinigung einordnen – und erst dann skeptischer werden, wenn auch die fundamentale Lage kippt. Der September ist damit weniger ein Grund zum Ausstieg als ein Monat, in dem Risikomanagement und Timing wieder wichtiger werden.
Stand: Ausgabe 18 von 24 (2026).
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