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Bauzinsen auf 15-Jahres-Hoch: Droht Immobilienaktien der nächste Belastungstest?

Die Finanzierung von Immobilien wird wieder deutlich teurer. Für zehnjährige Baufinanzierungen werden inzwischen rund 4,25 Prozent fällig – so viel wie seit Mai 2011 nicht mehr. Seit Ende Juni sind die Zinsen damit um 0,60 Prozentpunkte gestiegen. Für Käufer und Bauherren ist das unmittelbar spürbar. An der Börse könnte daraus der nächste Belastungstest für Immobilienunternehmen werden.

22. September, 11:07 Uhr von Martin Wagner

Die Zinswende erreicht den Immobilienmarkt

Kaum ein Markt reagiert so unmittelbar auf steigende Zinsen wie Immobilien. Denn Häuser, Wohnungen und Gewerbeobjekte werden überwiegend fremdfinanziert. Schon kleine Veränderungen beim Zinssatz können deshalb erhebliche Auswirkungen auf die monatliche Belastung und die gesamte Wirtschaftlichkeit eines Projekts haben. Genau diese Veränderung findet derzeit statt.

Die für Baufinanzierungen relevanten langfristigen Zinsen sind seit Ende Juni kräftig gestiegen. Zehnjährige Finanzierungen kosten inzwischen rund 4,25 Prozent pro Jahr. Das sind 0,60 Prozentpunkte mehr als noch Ende Juni und zugleich der höchste Stand seit dem 5. Mai 2011. Damit ist der Immobilienmarkt plötzlich wieder mit einem Zinsniveau konfrontiert, das viele Marktteilnehmer seit Jahren nicht mehr gewohnt waren.

0,60 Prozentpunkte klingen harmlos – sind es aber nicht

Auf den ersten Blick wirkt ein Anstieg von 3,65 auf 4,25 Prozent überschaubar. Bei hohen Finanzierungssummen sieht die Rechnung anders aus. Wer mehrere hunderttausend Euro finanzieren muss, zahlt durch wenige Zehntelprozentpunkte schnell mehrere tausend Euro zusätzliche Zinsen pro Jahr. Und das verändert Kaufentscheidungen. Haushalte können weniger Kredit aufnehmen. Projektentwickler müssen mit höheren Finanzierungskosten rechnen. Investoren verlangen höhere Mietrenditen. Und bestehende Immobilien werden weniger attraktiv, wenn sichere Anleihen gleichzeitig höhere Verzinsungen bieten.Genau deshalb können relativ kleine Bewegungen bei langfristigen Zinsen große Auswirkungen auf den Immobilienmarkt entfalten.

Die EZB ist nur ein Teil der Geschichte

Der jüngste Anstieg kommt nicht überraschend. Die Europäische Zentralbank hat ihre Referenzzinsen zuletzt um 25 Basispunkte angehoben. Der Schritt war am Kapitalmarkt weitgehend erwartet worden. Doch für Baufinanzierungen ist der aktuelle EZB-Leitzins nicht allein entscheidend. Hypotheken mit zehnjähriger Zinsbindung orientieren sich stärker an den langfristigen Kapitalmarktzinsen. Und genau dort hat sich die Situation bereits seit Ende Juni deutlich verschärft. Die Märkte erwarten, dass die Inflation länger erhöht bleiben könnte. Gleichzeitig hat die EZB weiteren Zinserhöhungen nicht ausdrücklich widersprochen und ihre Inflationsprognosen angehoben. Die Konsequenz: Investoren verlangen auch für langfristige Kapitalanlagen höhere Renditen. Und diese Renditen schlagen auf Immobilienfinanzierungen durch.

Inflation wird wieder zum Problem

Die Immobilienbranche hatte auf eine andere Entwicklung gehofft. Nach dem starken Zinsanstieg der vergangenen Jahre bestand die Hoffnung, dass sinkende Inflation der EZB genügend Spielraum für Lockerungen geben würde. Dann hätten langfristige Finanzierungskosten ebenfalls wieder nachgeben können. Doch die aktuelle Entwicklung stellt dieses Szenario infrage. Höhere Energiepreise und andere strukturelle Faktoren halten den Inflationsdruck aufrecht. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Zinsen länger auf einem höheren Niveau bleiben. Für Immobilienunternehmen ist gerade diese Dauer entscheidend. Ein kurzfristiger Zinsanstieg lässt sich häufig überbrücken. Mehrere Jahre mit hohen Finanzierungskosten verändern dagegen Geschäftsmodelle.

Immobilien funktionieren über den Zinshebel

Das Grundprinzip vieler Immobiliengesellschaften ist simpel: Kapital aufnehmen. Immobilien kaufen oder entwickeln. Mieteinnahmen erzielen. Und eine Rendite erwirtschaften, die oberhalb der Finanzierungskosten liegt. Je größer die Differenz zwischen Immobilienrendite und Finanzierungskosten, desto attraktiver funktioniert dieses Modell. Steigt der Zins, wird diese Differenz kleiner. Ein Objekt, das sich bei einer Finanzierung zu zwei Prozent hervorragend gerechnet hat, kann bei vier oder fünf Prozent deutlich weniger attraktiv sein. Das gilt besonders bei niedrig rentierenden Premiumimmobilien. Damit wird der Zins zum zentralen Bewertungsfaktor des gesamten Sektors.

Refinanzierung wird zum entscheidenden Thema

Für börsennotierte Immobilienunternehmen kommt ein zusätzlicher Punkt hinzu. Nicht alle Schulden werden sofort fällig. Viele Unternehmen besitzen langfristige Finanzierungen und Anleihen mit festen Zinssätzen. Das schützt kurzfristig. Aber irgendwann müssen diese Verbindlichkeiten refinanziert werden. Dann werden aus alten Krediten mit niedrigen Zinsen neue Kredite zu deutlich höheren Konditionen. Genau dort liegt der schleichende Effekt. Die Finanzierungskosten steigen möglicherweise nicht abrupt. Sie sickern über mehrere Jahre in die Gewinn- und Verlustrechnung. Je größer die Verschuldung eines Unternehmens und je kürzer die durchschnittliche Restlaufzeit seiner Finanzierung, desto stärker kann dieser Effekt ausfallen.

Höhere Zinsen drücken auch auf Immobilienbewertungen

Die Belastung endet nicht bei den Finanzierungskosten. Steigen die Renditen sicherer Anlagen, müssen Immobilien ebenfalls höhere Renditen bieten, um für Investoren attraktiv zu bleiben. Eine höhere geforderte Immobilienrendite bedeutet bei gleichbleibender Miete aber: Der Wert des Gebäudes sinkt. Vereinfacht gesagt: Ein Objekt mit einer jährlichen Nettomiete von einer Million Euro ist bei einer geforderten Rendite von drei Prozent deutlich mehr wert als bei fünf Prozent. Steigt der Marktzins, können deshalb Bewertungsabschreibungen notwendig werden. Für börsennotierte Immobiliengesellschaften ist das besonders relevant, weil sinkende Objektwerte gleichzeitig die Verschuldungskennzahlen verschlechtern können.

Der Druck wirkt von zwei Seiten

Immobiliengesellschaften können also gleichzeitig von zwei Belastungen getroffen werden. 

  • Auf der einen Seite: höhere Zinskosten. 
  • Auf der anderen Seite: potenziell sinkende Immobilienwerte.

Diese Kombination ist gefährlicher als nur ein einzelner Kostenanstieg. Denn wenn der Wert des Immobilienportfolios fällt, steigt der Verschuldungsgrad relativ zum Vermögen. Das kann Banken und Anleiheinvestoren vorsichtiger machen. Finanzierungen werden dann wiederum teurer. Ein negativer Kreislauf ist zumindest theoretisch möglich.

Neubau wird ebenfalls schwieriger

Auch für Projektentwickler verschlechtert sich die Rechnung. Ein Neubauprojekt benötigt über Jahre Kapital. Steigen die Finanzierungskosten, erhöhen sich bereits während der Bauphase die Gesamtkosten. Gleichzeitig können Käufer aufgrund höherer Hypothekenzinsen weniger bezahlen. Der Entwickler steht damit zwischen steigenden Kosten und sinkender Kaufkraft. Projekte, die bei niedrigeren Zinsen wirtschaftlich waren, können plötzlich nicht mehr die erforderliche Rendite erreichen. Die Folge: Bauprojekte werden verschoben oder ganz gestrichen. Kurzfristig belastet das Bauunternehmen und Entwickler. Langfristig kann ein geringeres Neubauangebot allerdings wiederum bestehende Immobilien stützen – besonders in Regionen mit ohnehin knappem Wohnraum.

Nicht jede Immobilienaktie reagiert gleich

Genau deshalb sollte der Sektor differenziert betrachtet werden. Ein hoch verschuldeter Projektentwickler trägt ein anderes Risiko als ein Wohnimmobilienunternehmen mit langfristig fixierter Finanzierung. Auch die Art der Immobilien spielt eine Rolle. Wohnungen. Büros. Logistikzentren. Einzelhandelsimmobilien. Rechenzentren. Jedes Segment besitzt andere Angebots- und Nachfragebedingungen. Unternehmen mit niedriger Verschuldung, langer Zinsbindung und stabilen Mieteinnahmen können das aktuelle Umfeld deutlich besser verkraften als Gesellschaften, die kurzfristig große Finanzierungsvolumina erneuern müssen.

Auch Anleger haben wieder Alternativen

Ein weiterer Faktor wird leicht unterschätzt. Während der Niedrigzinsphase waren Immobilien bei Anlegern besonders gefragt, weil sichere festverzinsliche Anlagen kaum Rendite boten. Diese Situation hat sich verändert. Wenn Anleihen wieder attraktive laufende Erträge bieten, müssen Immobilienaktien stärker um Kapital konkurrieren. Anleger können sich fragen: Warum das Risiko einer hoch verschuldeten Immobiliengesellschaft tragen, wenn festverzinsliche Anlagen wieder ordentliche Renditen ermöglichen? Das bedeutet nicht, dass Immobilienaktien grundsätzlich unattraktiv werden. Aber ihre Bewertung muss stärker überzeugen.

Die Kapitalmarktzinsen sind wichtiger als die nächste EZB-Sitzung

Für Anleger dürfte deshalb ein Punkt besonders wichtig sein: Nicht allein auf die nächste Leitzinsentscheidung schauen. Die entscheidende Entwicklung findet am langen Ende der Zinskurve statt. Genau darauf verweist auch die aktuelle Ausgabe des Optionsschein Trader: Die EZB sieht strukturellen globalen Aufwärtsdruck auf langfristige Zinsen, unter anderem aufgrund des hohen Finanzierungsbedarfs für Investitionen in KI-Infrastruktur. Das ist bemerkenswert. Denn damit konkurrieren Immobilien inzwischen mit anderen kapitalintensiven Megatrends um Finanzierung. Rechenzentren. Stromnetze. Verteidigung. Energieinfrastruktur. Staatliche Investitionsprogramme. Je größer der globale Kapitalbedarf wird, desto schwieriger könnte es werden, langfristige Zinsen wieder auf die extrem niedrigen Niveaus des vergangenen Jahrzehnts zurückzuführen.

Was Anleger jetzt beobachten sollten

Für Immobilienaktien werden vier Kennzahlen besonders wichtig:

  • Wie hoch ist die Verschuldung?
  • Wann müssen große Finanzierungen refinanziert werden?
  • Wie lang ist die durchschnittliche Zinsbindung?
  • Und wie stabil sind Mieteinnahmen und Immobilienwerte?

Diese Faktoren entscheiden zunehmend darüber, welche Unternehmen mit höheren Zinsen leben können – und welche nicht. Der Sektor dürfte damit stärker auseinanderlaufen.

4,25 Prozent verändern die Rechnung

Das aktuelle Zinsniveau ist noch kein Beweis für eine neue Immobilienkrise. Aber es verändert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich. Zehnjährige Baufinanzierungen stehen bei 4,25 Prozent, nach einem Anstieg um 0,60 Prozentpunkte in weniger als drei Monaten. So hoch waren die Finanzierungskosten seit Mai 2011 nicht mehr. Für private Käufer bedeutet das höhere Monatsraten. Für Projektentwickler höhere Kalkulationskosten. Und für börsennotierte Immobiliengesellschaften höhere Refinanzierungsrisiken und stärkeren Bewertungsdruck. 

Damit wird die zentrale Frage für den Sektor nicht mehr nur lauten, wann die EZB ihre Zinsen wieder senkt. Entscheidend ist, wie hoch die langfristigen Finanzierungskosten dauerhaft bleibenSollten Bauzinsen oberhalb von vier Prozent zur neuen Normalität werden, müsste sich ein großer Teil des Immobilienmarktes an eine völlig neue Renditewelt gewöhnen.

Stand: Ausgabe 37 von 48 (2026).

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