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China-Elektromobilität vor der nächsten Neubewertung

Chinas Elektroautoindustrie hat in den vergangenen Jahren vor allem mit hohen Wachstumsraten, aggressiven Preisen und enormen Produktionskapazitäten auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt könnte eine zweite Phase beginnen: Die Auslieferungen bleiben hoch, gleichzeitig verbessern sich bei führenden Herstellern die Margen – und die Bewertungen vieler chinesischer EV- und Batterieunternehmen liegen weiterhin deutlich unter internationalen Vergleichswerten.

24. September, 9:03 Uhr von Nick Sokolow

Lange war die Investmentstory der chinesischen Elektromobilität relativ einfach: Wer am schnellsten wächst, gewinnt. Neue Modelle kamen in immer kürzeren Abständen auf den Markt, Produktionskapazitäten wurden massiv erweitert und die Auslieferungszahlen stiegen teilweise im hohen zweistelligen Prozentbereich. Doch Wachstum allein reicht an der Börse irgendwann nicht mehr. Je größer eine Branche wird, desto stärker verschiebt sich der Fokus auf eine andere Frage: Wer verdient mit diesem Wachstum tatsächlich Geld? Genau hier beginnt sich das Bild in China derzeit zu verändern.

Aus Stückzahlen werden langsam Gewinne

Bei mehreren chinesischen Elektroautoherstellern bleiben die Auslieferungszahlen auf hohem Niveau. Gleichzeitig verbessern sich die Bruttomargen deutlich. In einzelnen Fällen haben sie sich innerhalb relativ kurzer Zeit nahezu verdoppelt, während operative Verluste zurückgehen oder bereits erste positive Ergebnisse erreicht werden. Das ist für den Sektor wichtiger als ein weiterer Verkaufsrekord. Denn die chinesische EV-Industrie hat inzwischen eine Größenordnung erreicht, bei der Skaleneffekte immer stärker durchschlagen. Fabriken, Entwicklungsabteilungen, Softwareplattformen und Vertriebsstrukturen verursachen hohe Fixkosten. Werden deutlich mehr Fahrzeuge über dieselbe Infrastruktur produziert und verkauft, sinken die Kosten je Einheit. Aus Volumenwachstum kann so überproportionales Gewinnwachstum entstehen. Und genau dieser Übergang ist häufig der Moment, in dem sich die Wahrnehmung eines gesamten Sektors verändert.

Der Preiskampf war schmerzhaft – aber nicht nur negativ

Der aggressive Wettbewerb auf dem chinesischen Automarkt galt lange als eines der größten Risiken für Anleger. Hersteller reduzierten Preise, neue Wettbewerber drängten in den Markt und immer kürzere Modellzyklen erhöhten den Investitionsdruck. Das belastete die Margen.

Gleichzeitig erfüllte der Preiskampf aber eine klassische wirtschaftliche Funktion: Er zwang die Branche zu höherer Effizienz. Hersteller mussten Produktionskosten senken, Plattformen vereinheitlichen und ihre Lieferketten optimieren. Schwache Anbieter geraten dabei zunehmend unter Druck, während größere und effizientere Unternehmen ihre Größenvorteile besser ausspielen können. Das könnte dazu führen, dass sich der Markt in den kommenden Jahren stärker konsolidiert.

Für Anleger wäre das ein wichtiger Wendepunkt. Denn ein Markt mit weniger, dafür profitableren Anbietern lässt sich völlig anders bewerten als eine Branche, in der Marktanteile ausschließlich über Preissenkungen erkauft werden.

Die Batterie entscheidet über die Marge

Ein zentraler Teil dieser Entwicklung findet unter der Karosserie statt. Die Batterie gehört zu den teuersten Komponenten eines Elektrofahrzeugs. Jede Verbesserung bei Zellchemie, Fertigung oder Produktionsauslastung kann deshalb erhebliche Auswirkungen auf die Kosten eines Fahrzeugs haben. China besitzt hier einen strukturellen Vorteil. Das Land verfügt über eine weitgehend integrierte Wertschöpfungskette – von der Rohstoffverarbeitung über Batteriezellen bis zur Fahrzeugproduktion.

Die größten Batterieproduzenten arbeiten mit enormen Stückzahlen. Ein führender Anbieter erreicht inzwischen rund 40 Prozent des weltweiten EV-Batteriemarktes. Gleichzeitig wächst das Geschäft mit stationären Speichern teilweise sogar schneller als das klassische Autogeschäft. Damit entsteht ein zusätzlicher Hebel. Sinkende Batteriekosten verbessern die Margen der Autohersteller. Gleichzeitig profitieren Batterieproduzenten von steigender Nachfrage aus Stromnetzen, Solar- und Windparks sowie großen Energiespeichern.

Elektromobilität und Energiewende beginnen sich damit immer stärker zu überschneiden.

Skalierung wird zum eigentlichen Wettbewerbsvorteil

Die chinesische Elektroautoindustrie wird häufig über technologische Innovation diskutiert. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die industrielle Skalierung. Hohe Stückzahlen ermöglichen günstigere Einkaufskonditionen. Große Plattformen verteilen Entwicklungskosten auf mehr Fahrzeuge.

Software kann über mehrere Modelle genutzt werden. Produktionsanlagen werden besser ausgelastet. Und auch Logistik und Vertrieb werden effizienter. Dieser Effekt lässt sich bereits in den Unternehmenszahlen erkennen.

Bei großen Batterieherstellern haben sich die Gewinne in den vergangenen Jahren teilweise vervielfacht, während die Produktion weiterhin stark ausgelastet ist. Gleichzeitig verbessern sich bei einzelnen Fahrzeugherstellern die Bruttomargen deutlich. Damit beginnt sich die China-EV-Story qualitativ zu verändern. Es geht nicht mehr nur darum, wer die meisten Autos verkauft. Es geht zunehmend darum, wer die niedrigsten Kosten besitzt und diese Größenvorteile in Cashflow verwandeln kann.

Genau hier wird die Bewertung interessant

Trotz dieser Entwicklung bleibt der Bewertungsabschlag chinesischer Unternehmen teilweise erheblich. Bei großen Batterieproduzenten liegen die erwarteten Gewinnmultiplikatoren laut aktueller Ausgabe teilweise nur bei rund einem Drittel der Bewertung internationaler Vergleichsunternehmen. Ein Teil dieses Discounts hat Gründe. Geopolitische Spannungen. Regulatorische Unsicherheit. Handelskonflikte. Und die generell geringere Bereitschaft vieler internationaler Investoren, Kapital langfristig in China zu binden. Diese Risiken verschwinden nicht. Doch je stärker die Gewinne steigen, desto größer wird die Frage, ob der Bewertungsabschlag noch vollständig gerechtfertigt ist.

Genau daraus kann eine Neubewertung entstehen. Nicht weil Risiken plötzlich wegfallen. Sondern weil sich das Verhältnis zwischen Risiko, Gewinnwachstum und Bewertung verändert.

Ölpreise liefern einen zusätzlichen Impuls

Ein weiterer Faktor könnte die Nachfrage unterstützen. Die stark gestiegenen Preise für Benzin und Diesel verbessern die Wirtschaftlichkeit von Elektrofahrzeugen relativ zu klassischen Verbrennern. Die aktuelle Ausgabe des Emerging Markets Investor sieht darin einen möglichen zusätzlichen Impuls für die Elektromobilität. Das ist besonders interessant, weil dieser Effekt nicht aus der Autoindustrie selbst kommt. Geopolitische Spannungen und steigende Ölpreise könnten ausgerechnet jene Technologie attraktiver machen, die langfristig die Abhängigkeit von Öl reduzieren soll. Damit treffen kurzfristiger Kostendruck und langfristiger Strukturwandel aufeinander.

Die nächste Phase dürfte selektiver werden

Eine Neubewertung des chinesischen EV-Sektors bedeutet allerdings nicht, dass jede Aktie automatisch profitiert. Im Gegenteil. Je stärker der Markt reift, desto wichtiger wird die Auswahl. Entscheidend sind künftig weniger reine Auslieferungszahlen als Fragen wie:

  • Wie entwickeln sich die Margen?
  • Wie hoch ist die Auslastung?
  • Wie stark ist die Bilanz?
  • Wie viel Kapital wird für weiteres Wachstum benötigt?
  • Und lässt sich der technologische Vorsprung tatsächlich in Gewinne umwandeln?

Gerade in einem kapitalintensiven Markt können Unternehmen mit schwachen Bilanzen trotz hoher Wachstumsraten unter Druck geraten.

Von der Wachstums- zur Gewinnstory

Die chinesische Elektromobilität steht damit womöglich vor einer interessanten zweiten Phase. Die erste war geprägt von Produktionsrekorden, neuen Marken und extremem Wettbewerb. Die zweite könnte stärker durch Konsolidierung, Effizienz und Profitabilität bestimmt werden. Für den Kapitalmarkt wäre das ein wichtiger Schritt. Denn steigende Stückzahlen sind gut.

Steigende Stückzahlen bei gleichzeitig steigenden Margen sind deutlich besser. Und wenn diese Kombination auf vergleichsweise niedrige Bewertungen trifft, entsteht zumindest die Grundlage für eine Neubewertung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob China Elektroautos in großem Maßstab produzieren kann. Das ist längst beantwortet. Entscheidend wird nun, wie viel Geld sich damit verdienen lässt.

Stand: Ausgabe 19 von 24 (2026).

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