Während die USA bei der Basistechnologie weiterhin führend sind, verkürzt China den Abstand mit bemerkenswerter Geschwindigkeit – und versucht zugleich, den Wettbewerb über deutlich niedrigere Preise zu entscheiden. Führende chinesische Modelle erreichen inzwischen Leistungswerte, die nur knapp unter westlichen Spitzenmodellen liegen, kosten aber teilweise rund 70 Prozent weniger.
China macht aus dem KI-Wettlauf einen Preiswettbewerb
Noch vor wenigen Jahren ließ sich die globale KI-Landschaft relativ klar beschreiben: Die wichtigsten Basismodelle kamen aus den USA, während China technologisch aufholte. Dieses Bild beginnt sich zu verändern. In der aktuellen Ausgabe des Emerging Markets Investor beschäftigen wir uns deshalb mit einer Entwicklung, die für die kommenden Jahre erheblichen Einfluss auf die internationale KI-Branche haben könnte: Chinesische Anbieter schließen bei der Leistungsfähigkeit ihrer Sprachmodelle immer weiter zur US-Konkurrenz auf, gehen bei der Preisgestaltung aber deutlich aggressiver vor.
Wie eng der technologische Abstand inzwischen geworden ist, zeigen die von Jefferies untersuchten Modelle. Die chinesischen Systeme GLM5.3 von Z.AI und Kimi K3 von MINIMAX kommen im Leistungsvergleich auf 45 beziehungsweise 44 Punkte. Die Flaggschiffmodelle Claude Opus 5 und ChatGPT 6 erreichen jeweils 48 Punkte. Damit liegen die chinesischen Konkurrenten nur knapp dahinter – ihre Nutzung ist laut der in der Ausgabe aufgegriffenen Untersuchung allerdings rund 70 Prozent günstiger.
Genau darin könnte Chinas eigentlicher Wettbewerbsvorteil liegen. Denn für Unternehmen, Entwickler und Plattformbetreiber zählt langfristig nicht nur, welches Modell im Benchmark einige Prozentpunkte besser abschneidet. Entscheidend wird auch sein, welche Leistung sich zu welchen Kosten skalieren lässt. Ein Modell, das nahezu dieselbe Qualität zu einem Bruchteil der Kosten liefert, kann gerade bei sehr großen Anwendungsmengen schnell attraktiv werden.
Der Token-Verbrauch zeigt, wie explosiv der Markt wächst
Wie rasant die Nachfrage nach chinesischer KI bereits zunimmt, lässt sich besonders gut am sogenannten Token-Verbrauch ablesen. Tokens sind die kleinsten Verarbeitungseinheiten, in die Sprachmodelle Texte zerlegen. Je häufiger KI-Systeme genutzt werden, desto mehr Tokens werden verarbeitet – und desto größer wird letztlich die wirtschaftliche Aktivität hinter den Modellen.
China startete Anfang 2024 noch bei einem täglichen Token-Verbrauch von rund 100 Milliarden. Inzwischen sind es laut den in der Ausgabe aufgegriffenen Daten bereits 150 Billionen pro Tag. Damit hat sich die Nutzung innerhalb von knapp zwei Jahren ungefähr vertausendfacht.
Und selbst diese Größenordnung könnte erst der Anfang sein. Jefferies erwartet, dass der tägliche Token-Konsum in China bis 2030 auf rund 8,5 Trillionen steigen könnte. Gegenüber dem heutigen Niveau entspräche das nochmals einer mehr als fünfzigfachen Zunahme innerhalb weniger Jahre.
Für Anleger ist diese Entwicklung deshalb interessant, weil sie zeigt, dass sich die KI-Story in China nicht mehr nur um Forschung oder einzelne spektakuläre Produktvorstellungen dreht. Die Nutzung skaliert bereits massiv. Genau diese tatsächliche Anwendung ist langfristig entscheidend, denn erst hohe Nutzungsvolumina schaffen die Grundlage dafür, aus technologischer Leistungsfähigkeit ein tragfähiges Geschäftsmodell zu machen.
Die USA führen noch – aber der Abstand schrumpft
Die USA besitzen weiterhin einen Vorsprung bei der Basistechnologie. Das stellt auch die aktuelle Ausgabe ausdrücklich heraus. Gleichzeitig konzentriert sich der Markt aber immer stärker auf zwei Länder: 86 Prozent aller Sprachmodelle entfallen inzwischen auf die USA und China.
Damit wird deutlich, dass sich der globale KI-Wettbewerb nicht gleichmäßig über viele Regionen verteilt. Europa, Japan oder andere große Wirtschaftsräume spielen bei den führenden Foundation-Modellen derzeit eine deutlich kleinere Rolle. Die eigentliche technologische Konkurrenz findet zwischen amerikanischen und chinesischen Anbietern statt.
China muss dabei nicht zwingend jedes Benchmark-Ranking gewinnen. Wenn die Modelle nahe genug an die Qualität der US-Konkurrenz herankommen und gleichzeitig wesentlich günstiger angeboten werden können, entsteht ein eigener Wettbewerbspfad. Für viele Entwickler kann ein etwas niedrigerer Benchmarkwert wirtschaftlich völlig ausreichend sein, wenn die laufenden Kosten dafür erheblich geringer ausfallen.
Gerade bei Anwendungen, die Milliarden oder sogar Billionen Tokens verarbeiten, kann sich dieser Preisunterschied stark bemerkbar machen. Aus einem scheinbar kleinen technischen Abstand kann deshalb ein großer wirtschaftlicher Vorteil entstehen.
DeepSeek hat gezeigt, wie empfindlich der Markt reagiert
Wie nervös Anleger auf technologische Fortschritte aus China reagieren, hat bereits der Auftritt von DeepSeek Anfang 2025 gezeigt. Damals sorgte das chinesische Modell R1 für erhebliche Unruhe bei westlichen Technologie- und KI-Werten, weil es nahezu an die Leistung etablierter Modelle herankam, dabei aber zu einem Bruchteil der Kosten betrieben werden konnte. In der aktuellen Ausgabe erinnern wir an diesen Moment, weil sich dieselbe Grundfrage nun auch in anderen Bereichen der chinesischen Technologiebranche stellt: Wie stark verändert sich der Wettbewerb, wenn chinesische Anbieter technologisch aufschließen und gleichzeitig deutlich günstiger produzieren oder anbieten können?
Der entscheidende Punkt ist, dass DeepSeek den westlichen KI-Boom nicht beendet hat. Die Erfahrung zeigt vielmehr, dass technologische Konkurrenz den Markt zunächst erschüttern kann, ohne den strukturellen Wachstumstrend zu zerstören. Für Anleger verschiebt sich dadurch aber die Perspektive. Es reicht künftig nicht mehr, lediglich auf steigende KI-Nachfrage zu setzen. Entscheidend wird immer stärker, welche Anbieter ihre Leistung am effizientesten monetarisieren können.
Niedrige Preise sind Chinas Chance – aber auch das Problem
Genau hier liegt allerdings auch der zentrale Schwachpunkt der chinesischen Anbieter. Während einige US-Unternehmen bereits zeigen, wie stark sich KI-Nutzung in Umsatz und Gewinn übersetzen lässt, befinden sich große chinesische Entwickler zum Teil noch in der Verlustphase. Die Anbieter versuchen, mit aggressiven Preisen Marktanteile zu gewinnen und gleichzeitig technologisch Anschluss zu halten.
Das schafft einen klassischen Zielkonflikt: Niedrige Preise erhöhen die Attraktivität der Modelle und können das Nutzungswachstum beschleunigen, gleichzeitig erschweren sie aber die Profitabilität. Genau deshalb wird für den chinesischen KI-Sektor in den kommenden Jahren entscheidend sein, ob aus stark steigender Nutzung auch entsprechend schnell wachsende wiederkehrende Umsätze entstehen.
Dass dies möglich ist, zeigt die Dynamik einzelner Anbieter. In der aktuellen Ausgabe gehen wir beispielsweise darauf ein, dass sich bei einem führenden chinesischen Entwickler die jährlich wiederkehrenden Umsätze innerhalb von sechs Monaten von 1 Mrd. USD auf voraussichtlich 3 Mrd. USD verdreifachen sollen.
Für die gesamte Branche ist das eine wichtige Entwicklung. Denn sobald starkes Nutzungswachstum in wiederkehrende Erlöse umschlägt, verändert sich auch die Bewertungsperspektive.
KI könnte zu einem klassischen Skalengeschäft werden
Die chinesische Strategie erinnert damit zunehmend an andere digitale Märkte. Zunächst werden Produkte aggressiv bepreist, um Nutzer und Entwickler auf die eigene Plattform zu ziehen. Anschließend versucht der Anbieter, das hohe Nutzungsvolumen über zusätzliche Services, Unternehmenslösungen oder langfristige Kundenbeziehungen zu monetarisieren.
Bei KI könnte dieser Mechanismus besonders stark wirken, weil die Wechselkosten steigen können, sobald Anwendungen tief in Unternehmensprozesse integriert sind. Wer ein Modell nur gelegentlich für einfache Textabfragen nutzt, kann relativ leicht wechseln. Wer dagegen eigene Software, Datenbanken und automatisierte Prozesse an ein bestimmtes Modell angebunden hat, dürfte wesentlich träger reagieren.
Damit wird der aktuelle Preiswettbewerb strategisch interessant. Chinesische Anbieter könnten versuchen, sich über niedrige Kosten zunächst Reichweite zu sichern und erst später stärker auf Margen zu achten. Ob diese Rechnung aufgeht, wird davon abhängen, wie dauerhaft der technologische Abstand zur US-Konkurrenz klein bleibt und wie effizient sich die Modelle betreiben lassen.
Für Unternehmen kann der Preis wichtiger werden als der letzte Prozentpunkt Leistung
Gerade im Unternehmensbereich dürfte sich die Diskussion deshalb verändern. Nicht jeder Anwendungsfall benötigt das absolut leistungsfähigste Modell am Markt. Für viele Routineaufgaben – etwa Textanalyse, Kundendienst, interne Wissenssysteme oder bestimmte automatisierte Prozesse – kann ein etwas günstigeres Modell wirtschaftlich attraktiver sein, sofern die Qualität ausreichend hoch bleibt.
Das macht den Preisunterschied von rund 70 Prozent so relevant. Bei kleinen Anwendungen fällt die Differenz kaum ins Gewicht. Werden dagegen enorme Mengen an Tokens verarbeitet, kann daraus ein erheblicher Kostenvorteil entstehen. Genau dann kann sich die Entscheidung zugunsten eines günstigeren Modells auch dann rechnen, wenn dieses in einzelnen Benchmarks knapp hinter der Konkurrenz liegt.
Für chinesische Entwickler eröffnet das einen möglichen Zugang zu internationalen Märkten, der weniger über Prestige und stärker über Kosten-Nutzen-Rechnungen funktioniert.
Die große Frage lautet: Wer verdient am stärksten wachsenden KI-Markt?
Für Anleger ist deshalb nicht nur interessant, welches Land technologisch vorne liegt. Spannender ist, wo in den kommenden Jahren der größte wirtschaftliche Hebel entsteht. China weist bereits eine enorme Wachstumsrate bei der tatsächlichen Nutzung auf, und die Modelle rücken in der Leistungsfähigkeit näher an die US-Spitze heran. Gleichzeitig bleiben die Preise deutlich niedriger.
Die Kehrseite ist, dass viele chinesische Anbieter noch beweisen müssen, dass sich dieses Wachstum nachhaltig profitabel betreiben lässt. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer technologischen Erfolgsgeschichte und einer erfolgreichen Investmentstory. Hohe Token-Zahlen allein reichen nicht; langfristig müssen sie in steigende Umsätze, bessere Margen und schließlich Gewinne übersetzt werden.
Die Ausgangslage ist dennoch bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren bestand der globale KI-Wettlauf weitgehend aus amerikanischer Technologie und chinesischen Aufholversuchen. Heute stehen zwei Ökosysteme gegenüber, die zusammen bereits 86 Prozent aller großen Sprachmodelle stellen – und China greift nicht nur technologisch, sondern zunehmend auch über den Preis an.
China verändert die Spielregeln des KI-Wettbewerbs
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob China im Bereich Künstliche Intelligenz mithalten kann. Der Abstand ist bei führenden Modellen bereits deutlich kleiner geworden. Entscheidend wird vielmehr, ob chinesische Anbieter ihren massiven Kostenvorteil und den explosionsartig steigenden Token-Verbrauch in profitable Geschäftsmodelle übersetzen können.
Ein täglicher Token-Konsum, der innerhalb von zwei Jahren von 100 Milliarden auf 150 Billionen gestiegen ist und nach den von Jefferies aufgegriffenen Prognosen bis 2030 sogar auf 8,5 Trillionen zulegen könnte, zeigt jedenfalls, welche Größenordnung hier entsteht. Gleichzeitig liegen führende chinesische Modelle beim Leistungsniveau nur knapp hinter den amerikanischen Spitzenprodukten, während sie rund 70 Prozent günstiger angeboten werden.
Stand: Ausgabe 21 von 24 (2026).
Für Anleger entsteht damit ein neuer Blick auf die globale KI-Story: Nicht nur die technologisch stärksten Modelle könnten gewinnen, sondern auch diejenigen Anbieter, die gute Leistung besonders günstig skalieren können. Wer solche Entwicklungen in China und anderen wachstumsstarken Kapitalmärkten regelmäßig einordnen möchte, findet genau diese Perspektiven im Emerging Markets Investor, den Sie aktuell 4 Wochen kostenlos testen können.
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